Das Winkelmaß – Werkzeug und Wegweiser

Dem Gesellen stehen mehrere Werkzeuge zur Verfügung, die alle ihre eigene Symbolik und Lehre in sich tragen: das Winkelmaß, der Zirkel, das Senkblei, der 24-zöllige Maßstab und die Kelle. 

Mit dem Winkelmaß prüft sich der Freimaurer auf Geradlinigkeit.

Es ist ein Sinnbild für Ordnung, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. 

Geradlinigkeit

Der Bauhandwerker gebraucht das Winkelmaß um Wände aufzurichten, Fundamente im rechten Winkel zu setzen und dadurch einem Bauwerk Halt und Bestand zu geben. Ohne dieses Werkzeug würden Mauern schief und Gebäude könnten nicht lange bestehen.

Gerechtigkeit

In jeder freimaurerischen Arbeit hat das Winkelmaß eine noch tiefere Bedeutung. Es steht als Sinnbild für die Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit. Mit ihm prüft der Freimaurer nicht Bausteine, sondern sich selbst. 

  • Handle ich als Freimaurer richtig und aus innerer Überzeugung?
  • Bin ich aufrichtig gegenüber meinen Brüdern in der Loge, in brüderlicher Liebe und Ehrlichkeit?
  • Gegenüber der Welt, in der ich wirke, durch mein Beispiel und meine Taten?
  • Gegenüber mir selbst? 

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Ein meisterliches Symbol 

Der leitende Meister einer Freimaurerloge ruft die Brüder zur Arbeit: So wie der Bauleiter das Winkelmaß anlegt, um zu sehen, ob die Steine rechtwinklig gefügt sind, so prüft der Meister, ob unsere Arbeit im Tempel im Einklang mit unseren freimaurerischen Grundsätzen geschieht. 

Zum anderen wird der Meister selbst zum Maßstab. Er trägt nicht nur das Winkelmaß, er verkörpert seine Eigenschaften als Vorbild. 

  • Der Meister verbiegt sich nicht, er verkörpert Geradlinigkeit und Standhaftigkeit – wie ein Pfeiler im Tempel. 
  • Er fällt Urteile, die nicht von persönlichen Neigungen, sondern vom rechten Maß bestimmt sind. 
  • Indem er das Winkelmaß trägt, verpflichtet er sich, gerecht und unbestechlich zu sein, aber auch menschlich und brüderlich. 

Endlichkeit im Unendlichen

Zwei Linien, die sich nur in einem einzigen Punkt berühren, streben im rechten Winkel auseinander ohne sich je wieder zu kreuzen. Freimaurerisches Wirken aller Brüder beginnt im gemeinsamen Ursprung als Teil des großen Tempelbaus und schlägt doch einen einzigartigen Weg ein. Gemeinsam bleiben alle Brüder im Streben dem rechten Winkel treu. 

Beide Schenkel des Winkelmaßes deuten jeder für sich in die Unendlichkeit. Der Raum, den beide Schenkel im rechten Winkel bilden, bleibt begrenzt. Die Möglichkeiten im Denken und Streben sind unendlich – aber die Art und Weise zu handeln findet in einem klar abgesteckten Raum statt.  

Bewährung im Alttag

So wie jeder Bruder im Tempel das Winkelmaß anlegt, so ist er angehalten im Alltag praktisch zu handeln: durch seine Worte, in seinen Taten, mit seiner Haltung. 

Wenn ich etwa mit rassistischen Aussagen oder Intoleranz konfrontiert werde, darf ich nicht schweigen. Denn Schweigen heißt den geraden Weg zu verlassen. Ein winkelgerechtes Leben bedeutet den Mut zu haben, geradezustehen – auch dann, wenn es unbequem wird. Die Natur als Lehrmeister

Die Natur als Lehrmeister

Der Baum wächst aus der Erde, und er tut dies im rechten Winkel zum Zentrum unserer Erde. Er richtet sich nicht krumm oder schräg auf, sondern senkrecht und geradlinig, gegen die Anziehungskraft der Erde dem Licht zuwachsend. 

Jeder Bruder „wurzelt“ in seiner Herkunft, bestrebt sich im rechten Winkel zu entwickeln und dem Licht entgegenzustreben – dem Guten, dem Wahren und dem Schönen. 

Die Verantwortung des Holzfällers

Ein Holzfäller muss den Baum mit Bedacht fällen. Er setzt den Fällkerb im rechten Winkel an, damit der Baum sicher und gerade fällt – nicht willkürlich, nicht unberechenbar. Ein falscher Schnitt oder ein schiefer Winkel würde den Baum unkontrolliert zu Boden bringen – zum Schaden seiner Umwelt.

So wie der Holzfäller seine ganze Aufmerksamkeit auf den rechten Schnitt legt, so mahnt ihn das Winkelmaß, sein Handeln stets zu prüfen: 

  • Wirke ich gerade, gerecht und verantwortungsvoll? 
  • Gefährde ich andere durch Unachtsamkeit oder Eigennutz? 
  • Trage ich dazu bei, dass mein Tun geordnet, vorhersehbar und dem Ganzen dienlich ist? 

Der Achtungs-Ruf des Holzfällers, bevor er den Baum zu Fall bringt, warnt Andere oder rüttelt sie „wach“, so wie das Winkelmaß den Bruder mahnt, nicht zu schweigen, wenn sich Ungerechtigkeit ausbreitet. Das Dreieck im Winkelmaß 

Das Dreieck im Winkelmaß 

Eine dritte Linie quer zu den beiden Schenkeln vollendet ein Dreieck. Und damit formt sich die stabilste Gestalt, die die Natur kennt. 

Das Dreieck gibt einem Bauwerk Festigkeit, es ist Grundlage jeder Konstruktion, ob in Brücken, Dächern oder Fachwerken. Symbolisch bedeutet es die Verbindung von Ursprung, Ausrichtung und Halt. 

Wenn beide Lebenslinien – die der Pflicht und die der Freiheit, die des „Ich“ und die des „Du“ – mit einer dritten Linie verbunden wird, entsteht Stabilität: Liebe und Gemeinschaft, die mich stützt und hält. 

Winkelgerecht ist Mahnung und Verpflichtung

Das Winkelmaß ist für mich mehr als nur ein Werkzeug aus Metall. Es ist ein Spiegel meines Gewissens: handle ich gerade oder krumm? Stehe ich aufrecht oder verbiege ich mich wo ich standhaft sein müsste? 

Möge jedem Bruder das Winkelmaß Mahnung und Wegweiser sein – im Tempel und im Alltag. 

Möge es helfen, das Leben so zu gestalten, dass ich aufrecht vor meinen Brüdern stehen kann – und aufrecht vor mir selbst, dem Licht entgegen. 

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