Brücken bauen

„Denn wo Brüder Brücken bauen, verlieren Gräben ihre Macht.“

Man sagt, eine Brücke beginne nicht dort, wo ihr erstes Fundament in den Boden eingelassen wird. Sie beginne vielmehr in dem Augenblick, in dem zwei Ufer einander nicht länger als Trennung begreifen, sondern als Einladung zur Begegnung. Vielleicht liegt gerade darin eine der tiefen Bedeutungen des diesjährigen Johannisfestes.

Am 25. Juni 2026 versammelten sich im Logenhaus in der Schwanthalerstraße 60 im Orient München, 60 Brüder aus 13 Bauhütten. Die Loge „In Treue Fest“ hatte eingeladen und Vertreter aus allen 5 regulären Großlogen unter dem Dach der Vereinigten Großlogen von Deutschland (VGLvD) kamen. Darunter auch die Große National-Mutterloge Zu den drei Weltkugeln (GNML 3WK), vertreten durch die beiden Logen Ad Fontes i. Or. Regensburg und die Feld- und Militärloge Ritter Mertz von Quirnheim i. Or. Augsburg. Was sie alle verband, war weit mehr als eine gemeinsame Tradition. Es war der spürbare Wille, Brücken zu bauen.

Dieses Leitmotiv erinnert an die bekannten Worte Kurt Rommels, der davon spricht, Brücken dort bauen zu wollen, wo andere nur tiefe Gräben erkennen. Gerade darin liegt ein Gedanke, der auch dem freimaurerischen Selbstverständnis nahekommt. Der Freimaurer sucht nicht das Trennende, sondern das Verbindende; nicht den Sieg über den anderen, sondern den gemeinsamen Weg zu einer höheren Menschlichkeit.

So erhielt das Johannisfest in München eine besondere Bedeutung. Mit der feierlichen Einsetzung des neuen Meisters vom Stuhl, begann nicht nur eine neue Amtszeit. Jede Einsetzung ist zugleich ein stilles Versprechen: Verantwortung anzunehmen, Orientierung zu geben und den Brüdern mit Demut voranzugehen. Dass einzelne dieser Brüder sowohl den Alten Freien und Angenommenen Maurern von Deutschland (AFAM) als auch der GNML 3WK angehören, macht sie in besonderer Weise zu Brückenbauern zwischen unterschiedlichen freimaurerischen Lehrarten – nicht, indem Unterschiede aufgehoben würden, sondern in dem sie sich in gegenseitiger Achtung – auf der Winkelwaage – begegnen. Dies wurde vom neu eingesetzten Stuhlmeister, in seiner Antrittsrede, mit den folgenden Worten eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht:

„Das Licht, das wir entzünden, soll nicht allein unsere eigenen Wege erhellen. Es soll weit genug strahlen, dass auch andere darin den Mut finden, den ersten Schritt aufeinander zuzugehen. Denn wo Brüder Brücken bauen, verlieren Gräben ihre Macht.“

Die festliche Tempelarbeit fand ihren würdigen Abschluss in den herzlichen Glück- und Segenswünschen der besuchenden Brüder. Vertreter aller anwesenden Bauhütten überbrachten ihre Verbundenheit und ihre guten Wünsche für den neuen Meister vom Stuhl und seine Beamten. In diesen bewegenden Augenblicken wurde der Leitgedanke „Brücken bauen“ lebendig. Über die Grenzen von Logen und Großlogen hinweg zeigte sich jene brüderliche Eintracht, die das eigentliche Fundament unserer Gemeinschaft bildet.

Im Anschluss an die Tempelarbeit versammelten sich die Brüder zu einer festlich gedeckten Tafelloge. Bei gutem Mahl, Wein und anregenden Gesprächen setzte sich fort, was im Tempel seinen Anfang genommen hatte: die Pflege brüderlicher Gemeinschaft. In heiterer Atmosphäre wurden bestehende Bande gefestigt und neue Verbindungen geknüpft. Nicht selten entstehen die tragfähigsten Brücken dort, wo Menschen miteinander speisen, einander aufmerksam zuhören und sich mit offenem Herzen begegnen.

Und so soll uns das Licht des heiligen Johannes auch weiterhin den Weg weisen – über Brücken, die nicht aus Stein errichtet sind, sondern aus Achtung, Mitgefühl und Liebe zum Menschen. Denn sie allein vermögen es, Gräben zu überwinden und Herzen miteinander zu verbinden. So wurde aus diesem Fest ein Auftrag, aus einer Begegnung ein Versprechen und aus der Bruderkette eine Verbindung, die nicht nur die Welt umspannt, sondern die weit über Raum und Zeit hinausreicht.

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