
Rudyard Kipling und das Dschungelbuch
Kaum ein Schriftsteller wird so häufig mit der Freimaurerei in Verbindung gebracht wie Rudyard Kipling (1865–1936). Millionen Menschen kennen sein „Dschungelbuch„, doch nur wenige wissen, dass Kipling seit jungen Jahren Freimaurer war und viele seiner Erfahrungen in seine Literatur einfließen ließ.

Einband der Erstausgabe
London Macmillan 1894
Quelle: Wikipedia
Ein Freimaurer in Indien
Kipling wurde am 5. April 1886 im Alter von nur zwanzig Jahren in die Loge „Hope and Perseverance No. 782“ in Lahore (heute Pakistan) aufgenommen. Die Loge war für ihre Zeit außergewöhnlich: Engländer, Hindus, Muslime, Sikhs und Angehörige anderer Religionen arbeiteten dort gemeinsam in der Loge – ein damals bemerkenswertes Zeichen von Toleranz und Brüderlichkeit. Später schrieb Kipling über seine Aufnahme:
„Ich war der Sekretär der Loge. Ich war der jüngste Bruder und lernte dort Männer aller Religionen und aller Gesellschaftsschichten kennen.“
Diese Erfahrung prägte sein gesamtes späteres Werk.
Das Dschungelbuch – mehr als ein Kinderbuch
Das 1894 erschienene „Dschungelbuch“ ist weit mehr als eine Sammlung von Tiergeschichten. Es erzählt von Erziehung, Verantwortung, Charakterbildung und dem Platz des Menschen innerhalb einer Gemeinschaft. Gerade diese Themen erinnern an zentrale Gedanken der Freimaurerei:
- Selbstvervollkommnung
- Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft
- Achtung vor dem Gesetz
- Brüderlichkeit
- Toleranz
- Pflichtbewusstsein
Dabei handelt es sich weniger um „versteckte Geheimnisse“ als vielmehr um ethische Grundhaltungen, die sowohl im Dschungelbuch als auch in der Freimaurerei eine wichtige Rolle spielen.
Das Gesetz des Dschungels
Besonders auffällig ist das sogenannte „Gesetz des Dschungels“. Entgegen seinem heutigen Sprachgebrauch bedeutet es bei Kipling gerade NICHT das Recht des Stärkeren.
Im Gegenteil.
Das Gesetz regelt das friedliche Zusammenleben aller Bewohner des Dschungels. Es verpflichtet zu Rücksichtnahme, Verantwortung und gegenseitigem Respekt.
Baloo lehrt Mogli:
„Das Gesetz des Dschungels, das niemals befiehlt ohne Grund.“
Auch dieser Gedanke erinnert an die Freimaurerei, deren Rituale den Menschen nicht bevormunden, sondern ihm Orientierung für ein sittliches Leben geben wollen.
Baloo übernimmt die Rolle des Lehrers
Er vermittelt Mogli Wissen, Geduld und Selbstbeherrschung. Erst wenn Mogli das Gesetz versteht, kann er ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft werden. In der Freimaurerei geschieht Entwicklung ebenfalls nicht durch Zwang, sondern durch Anleitung, eigenes Nachdenken und Erfahrung.
Bagheera – der Mentor
Der schwarze Panther Bagheera begleitet Mogli als erfahrener Freund. Er hilft ihm nicht, indem er ihm jede Schwierigkeit abnimmt, sondern indem er ihn befähigt, selbst Entscheidungen zu treffen. Gerade dieses Prinzip entspricht dem freimaurerischen Ideal: Der Mensch muss seinen eigenen Weg gehen.
Die Meisterschaft über sich selbst
Der eigentliche Gegner Moglis ist nicht Shir Khan. Sein größter Kampf besteht darin, Angst, Stolz und Hass zu überwinden.
Auch hierin sehen viele Freimaurer eine Parallele zur eigenen Arbeit am „rohen Stein“: Nicht andere Menschen müssen verändert werden, sondern zuerst man selbst.
Die Wolfsbruderschaft
Die Aufnahme Moglis in das Wolfsrudel erinnert manche Leser an einen Initiationsweg.
Er muss sich bewähren.
Er wird geprüft.
Er erhält einen Platz innerhalb einer Gemeinschaft.
Ob Kipling dabei bewusst freimaurerische Rituale nachbilden wollte, ist wissenschaftlich umstritten. Unübersehbar ist jedoch, dass Gemeinschaft, Verantwortung und persönliches Wachstum zentrale Themen beider Welten sind.
Eine der bekanntesten Formeln des Dschungelbuchs lautet:„Wir sind eines Blutes, du und ich.“
Dieser Satz wird von den Tieren des Dschungels als Friedens- und Erkennungswort verwendet. Viele Freimaurer sehen darin eine literarische Verdichtung des Gedankens der universellen Brüderlichkeit: Unabhängig von Herkunft, Religion oder Stand verbindet alle Menschen ihre gemeinsame Menschlichkeit.
„The Mother Lodge“
Besonders deutlich wird Kiplings Verhältnis zur Freimaurerei jedoch in seinem Gedicht „The Mother Lodge“ (1894). Darin beschreibt er voller Wärme seine Loge in Lahore:
„There was Rundle, Station Master,
An‘ Beazeley of the Rail,
An‘ Ackman, Commissariat,
An‘ Donkin o‘ the Jail…“
Das Gedicht schildert, wie Menschen unterschiedlichster Herkunft in der Loge als Brüder zusammentrafen. Es endet mit der berühmten Zeile:
„Outside – ‚Sergeant! Sir! Salute! Salaam!‘
Inside – ‚Brother‘.“
Kaum ein Text beschreibt eindrucksvoller das freimaurerische Ideal der Gleichheit.
Kipling über die Freimaurerei
Auch an anderer Stelle bekannte Kipling:
„The Craft is greater than any of us.“
(„Das Handwerk ist größer als jeder Einzelne von uns.“)
Dieser Satz bringt ein zentrales freimaurerisches Verständnis zum Ausdruck: Nicht der Einzelne steht im Mittelpunkt, sondern das gemeinsame Streben nach Humanität und persönlicher Vervollkommnung.
Fazit
Das „Dschungelbuch“ ist kein verschlüsseltes freimaurerisches Lehrbuch. Doch wer Rudyard Kipling als Freimaurer kennt, entdeckt zwischen den Zeilen zahlreiche Gedanken, die mit den Idealen der Freimaurerei harmonieren: Charakterbildung, Verantwortung, Brüderlichkeit, Gesetzestreue und die lebenslange Arbeit an sich selbst.
Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis seiner zeitlosen Wirkung: Die Geschichten sprechen Kinder ebenso an wie Erwachsene – und sie erinnern daran, dass wahre Stärke nicht in Macht, sondern im verantwortungsvollen Handeln gegenüber der Gemeinschaft liegt.