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Venezianische Legende

Vom italienischen Comiczeichners Hugo Pratt

Corto Maltese ist eine Comicfigur des italienischen Comiczeichners Hugo Pratt: 1927 in Rimini geboren. 1945 erschien sein erster Comic Pik As. Weitere erfolgreiche Abenteuerserien in Schwarz-Weiß für den Pressemarkt folgten. 1959 ging Pratt nach London, wo er an der War Picture Library mitarbeitete, ein Jahr später zog es ihn nach Irland. 

Hugo Pratt lernte die Freimaurerei in den 1970er Jahren kennen, er stellte seine Anfrage am 8. Juni 1976 in der Hermes Trismegistus Lodge in Venedig, die zur Grand Lodge von Italien gehört.

Quelle: Freimaurer Wiki

 

Seine Figur Corto Maltese bildet einen Meilenstein des literarischen Comics. 1970 erschien die erste Geschichte in der 12-teiligen Reihe mit Corto Maltese. Danach folgten weitere wie die „Venezianische Legende“ als Erstveröffentlichung 1977 in Italien (in L’Europeo). In Deutschland nahm sich der Carlsen Verlag 1985 des Comics an.

Pratt starb 1995 in Lausanne. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des literarischen Comics.

Zur Figur des Corto Maltese – eine fiktive Biographie

Corto Maltese wurde am 10. Juli 1887 in Valletta auf Malta als Sohn eines britischen Seemanns aus Cornwall und einer Zigeunerin aus Sevilla geboren. Nachdem der Vater nicht mehr nach Hause zurückgekehrt war, ging die Mutter mit ihm für einige Jahre nach Córdoba.

In den Comics ist Corto Maltese ein romantischer Seemann, Held und Kapitän ohne Schiff, der seine Abenteuer zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu bestehen hat. Er versucht sich aus den ideologischen und politischen Wirren seiner Zeit herauszuhalten und seine eigenen Ziele zu verfolgen, gerät dabei aber oft auf die Seite der Unterdrückten. Seine Reisen führen ihn auf alle Kontinente.

Venezianische Legende

Corto Maltese: Venezianische Legende v. Hugo Pratt; Verlag: Schreiber + Leser, Verlag Schreiber & Leser Nachfolger Philipp Schreiber e.K.

Corto Maltese ist auf der Flucht vor einer Gruppe von Faschisten. Es ist die Epoche von Mussolinis Schwarzhemden, die auch bei Nacht durch die Straßen streifen und jeden verfolgen, der nicht bereit ist sich als Faschisten zu erkennen zu geben.

Wie es Hugo Pratts Art ist, laufen auch in diesem Comic prominente Zeitzeugen durch die Bilder: etwa Gabriele d’Annunzio, von Mussolini zum Dichterfürsten geadelt, der jedoch in dieser Story nie beim Namen genannt wird.

Keineswegs schamhaft war eine andere Berühmtheit, die hier ihren ersten Auftritt im Corto-Universum hat: die Schauspielerin Louise Brooks (Louise Brookszowyc). Sie war ein Hollywood-Starlet in „Die Büchse der Pandora“ sowie „Tagebuch einer Verlorenen“ (beide Stummfilme vom österreichischen Hollywood- Regisseur G. W. Pabst). Pratt lernte sie bei einem Besuch in ihrem Haus in Rochester, New York kennen.

Louise Brooks (real und im Comic)

Freimaurerloge Hermes Trismegistos

Die Geschichte spielt in Apriltagen des Jahres 1921 – einem Schicksalsjahr der italienischen Geschichte mit der Gründung der Nationale Faschistische Partei Italiens – und startet spektakulär mit einem Sturz der Hauptfigur Corto Maltese durch das Glasdach direkt in eine Tempelarbeit der Freimaurerloge Hermes Trismegistos in der Lagunenstadt Venedig. Der Meister der Loge hat gerade mit einem Hammerschlag die Tempelarbeit eröffnet. 

Corto Maltese: Venezianische Legende v. Hugo Pratt (KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG)

Der KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG ist ein längerer Text über die Ursprünge und Lehren der Freimaurer vorangestellt. Ein Auszug:

Dem Freimaurer ist bewusst, dass er nie Vollkommenheit erreichen wird. Dennoch strebt er sie unermüdlich an, sein Ziel ist das Menschsein, die Grenzen des Universums und seines Tempels zu kennen und sie zu überschreiten. ….

Vor den Freimaurern gab es den Humanismus im Florenz der Medici, mit Brunelleschi, Donatello, Leonardo da Vinci, Michelangelo. Damit will ich es genug sein lassen. Wer vermag die Ausgewogenheit, Ordnung und die Symmetrie der florentinischen Architektur zu erläutern, die das machtvolle Streben des Menschen nach Erkenntnis an den Himmel schreibt? Gehen Sie in den Palazzo del Bargello, betrachten Sie die ersten Aktskulpturen des Hl. Georg, Hl. Johannes, Eros… Ob Christen oder Heiden – es sind stets Menschen. Gehen Sie ins Museum dell’Opera, sehen Sie in das Gesicht der Sünderin Maria Magdalena, die auf dem Weg der Erkenntnis weiter sündigt und ihr Fleisch versengt in einer unbeschreiblichen Sehnsucht nach Liebe.“

Corto Maltese: Venezianische Legende v. Hugo Pratt (KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG)

Corto Maltese wird von einem Freimaurer Bepi Faliero aus den Räumen der Bauhütte hinausgeführt und begleitet ihn durch die Stadt um ihn zu befragen: er sei auf der Suche nach einem der Edelsteine aus dem prunkvollen, mit zwölf Juwelen besetzten Brustschild der alttestamentlichen Hohepriester.

An dieser Stelle wird das Gespräch der beiden durch eine Gruppe Schwarzhemden unterbrochen, und der Austausch mit den Milizen droht zu eskalieren, als der Dichter Gabriele D’Annunzio die Szene betritt und alle Beteiligten beschwört, sich zu beruhigen. 

Corto Maltese: Venezianische Legende v. Hugo Pratt (KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG)

Im Gespräch mit Bepi Faliero und Gabriele D’Annunzio erfolgt eine Einladung in den Salon einer gewissen Hypatia (basierend auf dem historischen Roman von Charles Kingsley: Hypatia), die beschrieben wird wie die legendäre Hypatia von Alexandria, als Dichterin, Mathematikerin, neuplatonische Philosophin. 

Corto Maltese: Venezianische Legende v. Hugo Pratt (KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG)

Corto Maltese berichtet D’Annunzio wie Baron Corvo ihn angeregt hat nach dem Smaragd zu sichen. Baron Corvo ist der Künstlername einer realen Figur, und zwar des 1913 verstorbenen englischen Schriftstellers Frederick William Rolfe, dessen Leben in Venedig in der Kultur des 20. Jahrhunderts zum Mythos geworden ist. 

Im Haus der Hypatia

Der Duft eines Weihrauchbeckens führt Corto Maltese ins Innere des Hauses von Hypatia, an dessen Einrichtung zu erkennen ist, dass es sich um das Zentrum einer gnostischen Verbindung handeln muss. Neben Varianten von Abraxas-Darstellungen – mit menschlichem Rumpf, Schlangenfüßen, Hahnenkopf und Flügeln – sieht Corto Maltese auch eine Abbildung eines Aurelia-Falters.

Aurelia - Corto Maltese: Venezianische Legende (v. Hugo Pratt; KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG)
Corto Maltese: Venezianische Legende v. Hugo Pratt (KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG)

An dieser Stelle handelt es sich um einen grafischen Verweis zum Vorwort, welches der Autor Hugo Pratt dem Band „Venezianische Legende“ beigefügt hat. Auch dort ist der Falter Aurelia erwähnt, dort allerdings eingebettet in einen autobiografischen Zusammenhang:

„Ich war vier, fünf Jahre alt, vielleicht auch sechs, als meine Großmutter mich ins alte Ghetto von Venedig mitnahm. Wir besuchten eine ihrer Freundinnen, Signora Bora Levi, die in einem alten Haus wohnte. […] Ich erinnere mich, dass mich eines Tages Signora Bora Levi bei der Hand nahm und mit mir in den Geheimen Hof ging, wobei sie uns mit der Menora, dem siebenarmigen Leuchter, den Weg erhellte. Immer wenn sie eine Tür öffnete, blies sie eine Kerze aus. 

Im Hof gab es viele Standbilder und Wandzeichnungen – einen König mit Pfeil und Bogen; eine einäugige Kuh; einen siebenzackigen Stern; einen auf den Boden gezeichneten Kreis, in dem ein nacktes Mädchen tanzen sollte; die Namen der gefallenen Engel Samael, Satael, Amabiel. 

Die jüdische Dame erzählte mir von all diesen Dingen und beantwortete meine Fragen. Dann öffnet sie eine Tür am Ende des Hofes und schob mich in eine Gasse mit hohem Gras, die auf einen weiten verzauberten Platz führte. Einen solchen Hof sah ich später noch einmal, mit Blumen gefüllt, in einem Haus im jüdischen Viertel von Córdoba. Ich erinnere mich, dass im Geheimen Hof oft eine wunderschöne Frau war, umringt von Kindern und jungen Mädchen. 

Sie spielten vor einem riesigen Schmetterling aus bunten Glassteinen. Das war Aurelia, der gnostische Schmetterling. 

Corto Maltese – Venezianische Legende; released by Carlsen Verlag on January 1998.

Die Gnosis stellte sich mir als unerschöpfliche Quelle der Weisheit dar, in tausend bunten Lichtern bot sie alles, was der Mensch sich erträumte. Die beiden kleinen Platze, verbunden durch die heimliche Gasse namens Sehnsuchtsgässchen, stellte den Märchenort dar, an dem sich zwei verborgene Welten trafen – die der Talmudschüler und die der Jünger esoterischer Philosophien jüdisch-griechisch-östlicher Prägung. 

Corto Maltese: Venezianische Legende v. Hugo Pratt (KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG)

Dieses Labyrinth aus Treppen, Gassen, Höfen und kleinen Plätzen hieß das Serail der schönen Gedanken oder „Hebräer-Serail“ 

(Übersetzung von Rebiersch, Resel, Hamburg 2017, 3-4).

Durch Venedig auf der Suche

Zurück in der Venezianischen Legende belauscht Bepi Faliero das Gespräch zwischen Hypatia und Corto Maltese, folgt dem Protagonisten durch Venedig und dient so als Kontrastfigur zu Corto, dessen mystisches Agieren sehnsuchtsvolle Nostalgie vergangener Zeiten verkörpert. Fasziniert von den Geheimnissen der Stadt durchwandert Corto Maltese Venedig und erlebet eine Reihe weiterer Abendteuer, wo er unter anderem ein Logenabzeichen findet mit dem Hinweis, dass sich das Versteck des Smaragds ganz in der Nähe der Freimaurerloge befinden könnte.

Corto Maltese: Venezianische Legende v. Hugo Pratt (KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG)

Im Comic folgt ein Orts- und Zeitsprung in eine neue Szene: Am anderen Ende der Stadt findet eine Sitzung der Hermes-Loge statt, die durch ein Klopfen unterbrochen wird. Es ist Corto Maltese, der den Logenmeister sprechen möchte.  Dieser weigert sich letztendlich, den Freimaurer zu verraten, dem dieses Abzeichen gehören könnte. 

Nach weiteren Abenteuern, lebensbedrohlichen Attentaten erkennt Corto Maltese das Versteck und erklärt, den Ort des des Smaragds gefunden zu haben.  

Zum Ende der Geschichte gelingt es Corto Maltese tatsächlich, den berühmten Smaragd in Händen zu halten, doch als der Stein seine Wirkung entfaltet, ruft er sich selbst zur Vernunft:

„Am Besten versucht man gar nicht erst, verstehen zu wollen. Ich könnte sonst entdecken, dass du aus dem Stoff bist, aus dem die Träume sind.“ 

Am Ende der „Abspann“ der Erzählung

Das Ende der Erzählung wird eingeleitet mit der Ankündigung der Hauptfigur Corto Maltese, man wolle nun die Darsteller der Erzählung rufen. Die Dargestellten entsteigen der Erzählung:

Alle Figuren der „Venezianischen Legende“ von Corto Maltese in ein Panel gruppiert, schauen aus dem Bild heraus die Betrachtenden an. Corto Maltese: Venezianische Legende v. Hugo Pratt (KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG)

Eben beginnt der 25. April, der Tag des Heiligen Markus, dem Schutzpatron Venedigs. Corto Maltese überreicht den einzelnen Figuren eine Blume mit dem expliziten Dank, dass sie in dieser Geschichte mitgespielt haben.

Abschließende Bemerkungen

Die dargestellten Szenen geben erstaunlich schlüssig Aspekte der maurischen Arbeiten wider. Weniger die Szenen, sondern mehr die Textpassagen aller Protagonisten sind entscheidend für das Verständnis der Handlung.

Quellenangaben:

  • https://www.cong-pratt.com/de/libro/venezianische-legende/
  • Venezianische Legende – Stadt, Literatur und Geschichte in Hugo Pratts Corto Maltese; von SUSANNE ZEPP
  • Magazin SchreiberUndLeser; Ausgabe 2/2017
  • Corto Maltese: Venezianische Legende (v. Hugo Pratt; KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG)
Corto Maltese: Venezianische Legende v. Hugo Pratt (KULT EDITION; 2010 Medienservice GmbH & Co. KG)

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